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NECKARPARK UND WASENNÄHE (Chapter 10)

 

Aufm Wase graset Hase…

und im Neckar gampet Fisch…

 

Die Spree in Berlin, der Main in Frankfurt, die Isar in München, der Rhein in Köln und Düsseldorf…und nicht zuletzt die Elbe in Hamburg und Dresden. Die deutschen Großstädte und deren Puls schlagen irgendwo auch mit dem Lauf Ihres Flusses.

 

In Stuttgart ist das anders. Der Neckar hat nichts zu bieten, außer einem völlig überteuerten Partyfloß und verschiedene Inselbäder in den Vorstädten. Dabei wäre die Lage des Neckars, der die Innenstadt und die Ausläufer des Stuttgarter Ostens von Bad Cannstatt trennen, geradezu ideal, um den ebenfalls anrainenden unteren Schlossgarten, den Rosensteinpark und den Fluß zu einem urbanen Vergnügungszentrum zu machen. Ohne quietschende Reifen, Autos, Smog, Parteiensitze, Banken, La Martina Prolls und sonstiges Schwachmatengesindel ala Theodeor – Heuss – Straße.

 

Stattdessen bestimmen die Schleusen, viel Beton, Hauptstrassen und Ihre Blechlawinen das Bild rund um den Neckar. Wer bei einem Besuch des Leuze Freibades einen Blick über die (zu Recht) einigermaßen hohe Gartenbegrenzungsmauer wirft, weiß wovon ich rede. Hier kommt gewiss keine Seefahrerstimmung oder gar Idylle auf. Hier überkommt einen Traurigkeit und Wehmut, über eine nie erforschtes, städtebauliches Projekt, dass Stuttgart im Gegensatz zu seinem verkorksten Betrügerbahnhof tatsächlich in der ganzen Welt aufwerten würde.

 

Gott sei Dank aber gibt es den Cannstatter Wasen, das Neckarstadion und das Gelände des ehemaligen Zollamtes.

 

Auch die Betreiber des vor Jahren, zur Veranstaltungsstätte umgebauten ehemaligen Zollbüros, müssen sich im Jahre 2013 mit der Kriegserklärung des Stuttgarter Ordnungsamts auseinandersetzen. Und ich hoffe sehr, dass sich das Zollamt gegen diese Bürokraten und Sesselfurzer wehren kann. Und nicht, wie das gestern geschlossene Zapata, nach jahrelanger Kulturarbeit aufgeben muss.

 

Denn auf dem Gelände der ehemaligen Hüter unserer militärischen Grenzen und Produkte, hat sich in den letzten Jahren ein Kleinod im Stuttgarter Kesseldschungel herauskristallisiert. Wo in Berlin auf riesigen urbanen Freiflächen ständig neue, zum Teil temporäre, Begegnungsstätten eröffnen und wieder schließen, sind im zugebauten und fast überall bewohnten Stuttgarter Kessel solche Möglichkeiten rar. Ein solches Stück Land aber bietet sich, nur einen Steinwurf entfernt von Schleyer Halle, Neckarstadion und dem Cannstatter Wasen. „Out of the blue…and into the black“. Hier stört es niemanden, wenn die Nacht zum Tag gemacht wird. Wenn der Tag zum Intermezzo zwischen zwei Nächten wird. Und wenn meist friedliche und nur selten alkoholisierte Jugendliche und junge Erwachsene sich hinter geschlossenen Mauern auf einer Vielzahl von sogenannten Dancefloors den Teufel aus dem Leib tanzen.

 

Wer sich die kleine Mühe gibt, hier heraus zu fahren, der kann tatsächlich für ein paar Stunden in eine andere Welt eintauchen. Von kompetenten Menschen beraten, hat sich die Stadt Stuttgart dazu herab gelassen, das Dorf am Nordbahnhof, bestehend aus vielen ausrangierten und umfunktionierten Güterwaggons doch umzubetten. Hinter Büschen und Bäumen direkt am Stuttgarter Gleisbett gelegen, stand es mehrfach kurz vor dem Aus bzw. der Räumung. Von unzähligen Freaks, Lebenskünstlern und Musikern bewohnt und endgültig in seiner Existenz bedroht durch den anstehenden Bahnhofsneubau, werden die Waggons auf den Gleisen außerhalb des CLUBS Zollamt schlussendlich doch noch eine neue Heimat finden. Der Club selber ist ein Labyrinth aus verschieden Dancefloors, Lagerräumen, Büros und Werkstätten. Prunkstück ist jedoch der große, nicht überdachte Innenhof, der mit Bars, Soundsystem und Tanzfläche ausgestattet ist. Er lädt besonders im Sommer zu ausgelassenen Come Togethers jeglicher Art ein. Und wer es ganz besonders verschickt mag, wirft einen ausgedehnten Blick in den ebenfalls im Innenhof stehenden alten Güterwaggon, der ebenfalls zum „Floor“ umfunktioniert wurde. Waggons, Club Zollamt und weitere Agenturen und Kultureinrichtungen zusammen bilden die Kulturinsel und so feiern im Club auch Veranstalter und Gäste aller Musikgenres regelmäßig ihren Style bzw. ihre musikalische Lebensanschauung.

 

Eine subkulturelle Oase, die es für alle zu hegen und zu pflegen gilt! Vielleicht kommt ja irgendein findiger Politiker oder profitgeiler Investor doch noch auf die Idee, Cannstatt rund um den Wasen und am Neckar zu verschönern bzw. neu zu gestalten. Denen werden Freiflächen und Kulturbesitz bestimmt als erstes zum Opfer fallen. Bis dahin sollte die entstandene Subkultur einfach nicht mehr wegzudenken sein!