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Das Spielzeugland (Chapter 04) 

„Menschen, Tiere, Sensationen“…oder „Ein Kessel Buntes“…oder „Soddom und Gomorrha“…oder „Die Kieferklinik“…oder „Das schwarze Loch“…

 

Die Metaphern und Synonyme bzw. spöttischen Bezeichnungen für das Spielzeugland des Flavers würden mir eine ganze Nacht nicht ausgehen. Es gibt nur ein paar handverlesene Plätze bzw. Clubs auf dieser Welt, an denen man den Techno wirklich erleben und verstehen kann. Und das Stuttgarter ToY ist einer davon.

 

Ich habe mich erst kürzlich bei mir zum Selbstversuch angemeldet. Samstag morgen, 08:00 Uhr in der Früh: Esmir begrüßt mich mit einem festen, akkuraten Handschlag und seinem leicht spöttischen, aber immer ernsten Grinsen und entdeckt Ungewohntes an mir. Frisch geduscht, gestriegelt und geföhnt mit Umhängetasche, in der sich meine Arbeitsunterlagen befinden, passiere ich eine Demarkationslinie, jenseits derer seit Jahrzehnten die wildesten und exzessivsten Parties Stuttgarts statt finden. In den 80er und frühen 90er Jahren noch als „Roxy“ bekannt, fanden schon damals legendäre „Bukowski Parties“ statt, von denen DJ Legenden wie Ari, Robin Hirte und nicht zuletzt die heutigen Residents Harry Nash und Edi Eiler, die ein oder andere – für damalige Verhältnisse eigentlich undenkbare – Anekdote erzählen können. Damals wurde die Galerie noch von einem Steg quer über die Tanzfläche verbunden und so viele Hähnchenschenkel, wie an diesen Abenden wurden in keinem Rittermahl jemals durch die Gegend geworfen. Um die Hektoliter an Tequila einigermaßen zu verdauen…

 

In jenen Tagen herrschte der Discobeat – später Dancefloor oder einfach wieder Soul genannt, Hip Hop und Mixed Musik. Es gab noch Engtanzrunden und selbst Gitarrenmusik war keine Seltenheit.

Paxil online Aber der Techno war längst nicht mehr aufzuhalten. Die Evolution des 4/4 Taktes nahm, Stuttgart im Besonderen, die Republik mit seiner ersten Welle ein und so auch bald das Roxy, welches sich im Jahre 1996 in jenes sagenumwobenes ToY verwandelte.

 

Ein Club, der sowohl ortsspezifisch, als auch vom Innenausbau, sowie von seiner Musikanlage schon immer zu den Besten der Stadt gehört hat. Nun aber in kürzester Zeit allen schlechten Angewohnheiten der sich sowieso im Wandel befindlichen Szene zum Opfer fiel. Als einer der wenigen Lokalitäten mit durchgehender Sondergenehmigung zur Aufhebung der Sperrzeit wurde er schnell von den Technojüngern als Nachfolger des legendären „OZ“ auserkoren. Es folgten Alkoholexzesse, Drogen, Prostitution und Zuhälterei, und nicht zuletzt die damit meist einhergehende Gewalt. Im ständigen Fadenkreuz der ermittelnden Staatsmacht und durch interne Streitigkeiten über die Unternehmenspolitik, folgte im Jahre 2002 die Schließung und das vorläufige Ende.

 

Dem heute verschworenen Haufen aus Resident DJ’s und deren unermüdlicher Einsatz bis ins hohe DJ Alter ist es zu verdanken, dass nach nur einem Jahr Sonntag morgens wieder Technobässe den Platz am Hirschbuckel beschallen durften. Seitdem knüpft das ToY wieder an vergangene, erfolgreiche Zeiten an!

 

Diesen Club nenne ich also meine persönliche Spielwiese. Und seine Spielwiese sollte man natürlich auch im nüchternen Zustand aufsuchen können. Aus diesem Grund passierte ich an diesem Samstag Morgen jene Demarkationslinie, um 1. ein wichtiges Gespräch mit einem der Betriebsleiter zu führen und 2. einen nüchternen Einblick in meine ständig rauschgeschwängerte Welt des Techno zu erhalten.

 

Um es kurz zu machen: Es war eine gruselige, aber auch sehr witzige Stunde. Ich sah in glühende Augen und Gesichter. Warum redet die soviel? Dachte ich kurz, ehe ich von einem fast erblindeten, taumelnden aber noch tanzenden Typ um die zwanzig umgestoßen wurde. Und sie hat mich nicht dazu gebracht, meine Sichtweise über unsere Szene negativ zu beeinflussen.